NIEMAND IST EINE INSEL

Nachrichten vom Planeten Hörde

Wo anfangen? … (oder gleich hier die ersten Bilder sehen! -> instagram!)

Ich fotografiere gern – eigentlich immer und überall. Das gehört zu meinem Beruf – ich bin Grafiker. Das ständige Fotografieren hat darüber hinaus aber weitreichende Bedeutung für mein Sehen und Denken. Was ich durch den Sucher – über das gewöhnliche „ma´ gucken” hinaus – entdecke, teile ich gern und diese Art der Suche vermittle ich mit Freude weiter. In zahlreichen Projekten (u.a. auf der „U ZWEI Kulturelle Bildung“ im Dortmunder U oder in der Flüchtingseinrichtung in der Frenzelschule) konnte ich Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen diese Art einer „anderen” Sichtweise bereits näherbringen.

Aus beruflichen und persönlichen Gründen bin ich oft in Hörde. Ich beobachte die neusten städtebaulichen Entwicklungen mit Staunen – auch mit Kritik. Das traditionelle und zum Teil anarchistische Hörde steht einem Modernismus gegenüber, der vielfach zu starr nach vorn blickt, aber viele Dinge, die gebürtigen Hörderinnen und Hördern wichtig sind, aus den Augen verliert.

Ich habe die Corona-Zeit genutzt, um das fotografierende „Flanieren” zu üben – das „planlose Umherschweifen” mit der Kamera. Das Denken hört dabei nicht auf – im Gegenteil! Immer wieder entdecke ich in den Zufallsfunden und scheinbar willkürlichen Bildinteressen und Bildern, die zunächst nur skurril erscheinen, Verknüpfung zu gesellschaftlich relevanten Themen. Das Flanieren beinhaltet auch das Gespräch mit den Menschen, die sich – und mich – fragen, in welchem Auftrag der Fotograf unterwegs ist. So wird man nebenbei zum Sprachrohr der Ungefragten!

Es gibt die Zugereisten und die alteingesessenen Hörder*innen. Der Zugereiste ist zum Teil gezwungenermaßen zugereist, geflohen vor Kriegen und Not, aber auch weil die Mietpreise im Vergleich zu München oder Berlin immer noch „human” sind. Es gibt eigentlich nur zwei Kategorien von Zugereisten: Die, die aus beruflichen Gründen hierher gezogen und in „Brot und Arbeit” sind, und die, die auf der Suche nach Arbeit und Zukunft sind.

Dazu gehören natürlich auch die Kinder und Jugendlichen, die nach Orten suchen, an denen sie sich in der Freizeit treffen können. Oft muss erst was passieren, bis bemerkt wird, dass es Bedarfe gibt! So gibt es nun „Aufsuchende Jugendarbeit” oder die neue Boulder-Anlage am Ende des Phoenix-Sees. Der Rest der Jugend flaniert durch den stadtmöblierten Raum und sitzt auf der Freitreppe am Rewe.

Die alten Strukturen von Kleingärten und sogenanntem Grabeland boten und bieten vielen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur „Flucht“ aus dem Alltag, Naturverbundenheit und „eigene Ernte”, Inseln der „privaten Glückseligkeit”. Dazu kommt, dass andere – tatsächlich Geflüchtete sich als neue Bürger des Ortes etablieren und nur ebenfalls ihre Rückzugs- oder Gemeinschaftsräume suchen.

Alle Gruppen haben Schnittstellen, die nicht immer positiv belegt sind. Die „Gärtnerinnen” und „Gärtner“ mögen eine Gefahr in „zündelnden” Jugendlichen sehen. Jugendliche sehen sich womöglich als unerwünschte Personen an den informellen Treffpunkten im Ortskern. Die Geflüchteten sorgen sich um die Entwicklung ihrer Kinder und empfinden sich zuweilen auf der „Insel Hörde” immer noch als „gestrandet”.

Mein Projekt soll die visuelle Erforschung einer Stadtlandschaft und Stadtgesellschaft im Wandel werden. So wie die Stadtplanung für die Veränderung der „äußeren Umstände” des Stadtteils eine neue Form erstellt und sich die neuen Gebäude, Flächen und Straßen teils als Konkurrenz, teils als Partner zu den alteingesessenen Beständen gesellen, so befindet sich die Bevölkerung in einem ähnlichen Prozess.

Im Verlauf der geplanten Erkundungen möchte ich auch die Familien erneut aufsuchen, deren Kinder an meinen letzten Projekten in Zusammenarbeit mit der Geflüchteteneinrichtung in der Frenzelschule mitgearbeitet haben. Sie gehören mittlerweile zur Hörder Bevölkerung! (Hier ein Blick in die damaligen fotografischen Ergebnisse: www.hoerdanien.de) Was haben diese Kinder inzwischen in der neuen Heimat erlebt?!

Aus all diesen Gedanken entsteht dieses Fotoprojekt … und soll bald auch als Zeitung produziert werden …

Das Projekt wird im Rahmen des Programms „Soziale Stadt” vom Stadtteilfont Hörde mit Mitteln des Bundes, des Landes NRW und der Stadt Dortmund gefördert.