Unorte für Alle!

Mit dem Auftreten der ersten Covid-19-Fälle und den damit verbundenen Schutzmaßnahmen habe ich begonnen fast täglich Ausflüge in die nähere Umgebung zu machen. Dabei entstanden zahlreiche Fotografien, Bei der Sichtung der Bilder entstand die Idee die Grenzen Dortmund zu umwandern. Ich setze mich also in Bus und Bahn und fahre an die Endstellen im Grenzgebiet.

Was macht diese Orte aus?
Zum Einen findet man hier Landschaften, die eher ländlich geprägt sind oder ländlich erscheinen obwohl sie eigentlich Überbleibsel der Industrien sind, die eben in den Randgebieten zahlreich anzutreffen waren. Zum Anderen sind es Orte, die entweder wie kleine Dorfgemeinschaften gewachsen sind (s. Oestrich / Am Kreuzloh) oder aber Wohnsiedlungen, so wie sie in den 70gern die Idee vom Wohnen und Leben vor Ort geplant wurden (s. Scharnhorst …). Es gibt zahlreiche Naturschutzgebiete (z.B. am Brunosee an der Grenze zu Castrop-Rauxel oder am Pleckenbrinksee zwischen Husen und Wickede) oftmals sind die Seen in ehemaligen Bergsenken – Relikte aus der Bergbauzeit – entstanden. Viele Flächen sind durchschnitten von den zahlreichen Autobahnen und Bahnstrecken.

Der Unterschied zu den verschiedenen Rundwanderungen ist, dass die kartografische Vorgabe (Grenzen) den/die Wanderer an Orte führt, die der/dem „lustwandelnden” Sonntagsspaziergänger/in in der Regel verborgen bleiben. So gilt es Orte zu besuchen, die über ihren Zwecknutzen z.B. als Versorgungsweg hinaus entweder zu kleinen unberührten „Naturoasen” oder aber aufgrund ihrer Abgelegenheit, einer neuen Nutzung im Verborgenen zugeführt werden. So werden solche Orte oft von Grafittie-KünstlerInnen, Wohnungslosen aber auch Menschen besucht, die sich unbemerkt ihres Unrats entledigen wollen. Zum Erreichen dieser Ziele entstehen oft sog. „Trampelpfade”, die – im Gegensatz zu gartenbauarchitektonischen Labyrintwegen oft nur die gradlinige Verbindung zwischen zwei Orten ermöglichen sollen.

Als Fotograf findet man so Situationen, die ihren eigenen Reiz haben. Man entdeckt Formen, Farben und Materialzusammenstellungen, die ihren eigenen Gesetzen folgen und so manchem Gestaltungswillen im offenen und öffentlichen Bereich bei weitem überlegen sind. Die andere Besonderheit ist die Ruhe entlang der Bahnlinien (solang kein Zug kommt!) und auf ehemaligen Industrie-Brachen, die langsam von Pflanzen überwuchert werden.

Mit der Zeit merkt man, daß diese Orte zum Teil keine dauerhaften Märchenbrachen sind, sondern Orte in einem Zwischenstadium. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, so sind wir oft auf solche Geländen „herumgestromert” – oft zum Missfallen meiner Eltern, die sich nicht nur über die verdreckte und zerrissene Kleidung sondern auch über kleinere Verletzungen an Arm und Bein zu ärgern hatten. Viele dieser Orte sind mittlerweile verschwunden und einer neuen Funktion zugeführt worden. Andere Gelände mutierten zu Wohnparks.

Kennen sie solche Unorte? Haben Sie Interesse solche Orte zu besuchen? Machen sie sich auf den Weg – das Abenteuer kostet nur eine Hin- und Rückfahrt mit dem ÖPNV!
Sollten sie Informationen oder weitere Fotos haben oder mehr über das Projekt erfahren möchten, wenden Sie sich einfach per Mail an Gerd@tuareg.de. Ich freue mich über Ihre Rückmeldung.

Wir sehen uns im Gelände! … Mit liebem Gruß

Gerd Schmedes